Rund 500 Lehrkräfte der Fächer Latein und Griechisch aus allen Bundesländern haben beim DAV-Bundeskongress zur Frage der Bedeutung von Latein- und Griechisch-Unterricht für die politische Bildung gearbeitet. Vom 7. bis 11. April 2026 ging es an der Frankfurter Goethe-Universität um den Leitgedanken „Aus der Antike lernen für die Demokratie von heute und morgen – exempla et errores“.
Die Hessische Landesregierung will gemäß Koalitionsvertrag „Schulen besonders fördern, die sich der europäischen Mehrsprachigkeit – einschließlich der alten europäischen Kultursprachen Latein und Griechisch – widmen“. Darauf wies Katja Sommer als DAV-Bundesvorsitzende hin und verwies auch auf das Konzept zur Begabtenförderung in Mecklenburg-Vorpommern, wo das Fach Altgriechisch an Schwerpunktschulen besonders gefördert wird. Mit dem Humanismuspreis des DAV wurde die „berühmteste Althistorikerin der Welt“ (so die FAZ 2025), die britische Altertumswissenschaftlerin und Publizistin Mary Beard, geehrt. Mit drei Ad-Astra-Preisen des DAV wurden junge Lehrkräfte prämiert für besondere Unterrichtskonzepte der Einbeziehung von griechischer Musik, von modernen Graffiti und von KI. Die öffentliche Podiumsdiskussion zum Kongress-Thema zeigte, dass wir die antiken Denkkonzepte und Erfahrungen modellhaft zum Vergleich nutzen können, um in gegenwärtigen Krisen gute Entscheidungen treffen zu können.
Die Antike als Reflexionsraum für politische und gesellschaftliche Fragen unserer Gegenwart war Thema in rund 75 Fachvorträgen und Arbeitskreisen des Kongresses. Der griechische Historiker Herodot beschreibt, wie Griechen und Perser u.a. bei der Schlacht von Marathon zu überlegten Entscheidungen kamen. Der Dichter Homer erzählt in seinem Epos über den Trojanischen Krieg von Zorn und humanem Mitgefühl, wenn er den Griechen Achilleus charakterisiert, und warnt mit sezierenden Schlachtbeschreibungen vor Krieg und dessen traumatisierenden Folgen. Neuere Forschungen in Archäologie und Alte Geschichte zeigen etwa am Beispiel der vielfachen Facetten weiblicher Partizipation in der Antike, wie sehr weit verbreitete heutige Vorstellungen revidiert werden müssen. Bei der Darstellung der römischen Kaiser in den Biographien des römischen Autors Sueton sehen wir, wie politisch auch scheinbar nur Privates gedeutet wird.
Die epochalen Auswirkungen von generativen Schreibprogrammen, also „künstlicher Intelligenz“, auf unsere Gesellschaft prägten viele Diskussionen des DAV-Kongresses. Wird durch die KI der Status des Menschen als Mensch in Frage gestellt? Wie kann das Dilemma von Arbeitserleichterung versus Deskilling gelöst werden? Werden wir uns künstlichen Algorithmen ergeben oder unsere besonderen Merkmale als Menschen, selbstständiges Denken und Empathie, bewahren? Befinden wir uns in einer Krise des Humanen? Der Leitgedanke des Humanismus reagierte mit Erasmus von Rotterdam, Wilhelm von Humboldt und dem sogenannten dritten Humanismus während der Weimarer Republik (Werner Jaeger) auf gesellschaftliche Krisen. Mittels des Logos, dem griechischen Begriff für menschliche Vernunft und Sprache, ging es den Humanisten immer darum, das Denken als besondere Fähigkeit des Menschen möglichst umfassend auszubilden. Somit ergibt sich gemäß dem Satz des Schulpädagogen Klaus Zierer das Paradoxon: „Die Stärke der digitalen Welt steht auf den Schultern der analogen Welt.“
Latein und Griechisch profitieren in Wissenschaft und Unterricht, so in der Papyrologie, erheblich von KI. Den Gefahren von KI kann der in erster Linie analoge altsprachliche Unterricht wirkungsvoll begegnen. Somit dürften diese Schulfächer, die für Sprachbildung und selbstständig kritisches Denken stehen, in Zukunft für unsere Demokratie weiter an Wichtigkeit gewinnen.


