Deutscher Altphilologenverband

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Deutscher Altphilologenverband

Zukunft braucht Herkunft

Der Deutsche Altphilologenverband (DAV) stellt sich vor

Wer sind wir?

Wir sind der Fachverband für Latein und Griechisch an Schulen und Universitäten.
Wir sind ein eingetragener, als gemeinnützig anerkannter Verein.

Der DAV ist Mitglied der Fédération Internationale des Études Classiques (FIEC) und des Europäischen Verbundes der Altphilologenverbände EUROCLASSICA.

Weiterlesen: Zukunft braucht Herkunft

European Certificate of Classical Languages ECCL

Jack Steinberger Gymnasium Bad Kissingen Bayern

Insgesamt 552 Schüler:innen aus 24 deutschen Schulen haben in diesem Schuljahr am European Certificate of Classical Language (ECCL) teilgenommen. Von ihnen errangen 11 Teilnehmer:innen eine Gold-, 55 eine Silber- und 116 eine Bronze-Medaille.

Herzliche Glückwünsche vom DAV-Bundesvorstand an die Erfolgreichen und ein großes Dankeschön an die Lehrkräfte im Hintergrund, die diesen Erfolg erst ermöglicht haben!

Die Goldmedaillen gingen in das Askanische Gymnasium Berlin, in das Europäische Gymnasium „Bertha von Suttner“ Berlin, in das Gymnasium auf den Seelower Höhen, in das Domgymnasium Verden und in das Neue Gymnasium Bochum. Das sind ganz besondere Ergebnisse!

Das ECCL wird von der Euroclassica, der europäischen Dachorganisation von Altsprachlehrer-Verbänden, organisiert. Schüler:innen können sich in Latein oder Altgriechisch auf jeweils zwei Schwierigkeitsstufen beweisen.

Aus Deutschland haben – aufgeschlüsselt nach Bundesländern – teilgenommen:

Nordrhein-Westfalen: 6 Schulen

  • Städtisches Kaiser-Karls-Gymnasium Aachen
  • Heilig-Geist-Gymnasium Würselen
  • Städtisches Gymnasium Steinheim
  • Gymnasium St. Christophorus Werne
  • Lessing-Gymnasium Bochum-Langendreer
  • Neues Gymnasium Bochum

Sachsen-Anhalt: 4 Schulen

  • Burgstadtgymnasium Querfurt
  • Geschwister-Scholl-Gymnasium Zeitz
  • Norbertusgymnasium Magdeburg
  • Hans-Dietrich-Genscher-Gymnasium Halle

Brandenburg: 3 Schulen

  • Gymnasium „Alexander von Humboldt“ Eberswalde
  • Humboldt-Gymnasium Potsdam
  • Gymnasium auf den Seelower Höhen

Niedersachsen: 3 Schulen

  • Domgymnasium Verden
  • Gymnasium Syke
  • Halepaghen-Schule Buxtehude

Bayern: 2 Schulen

  • Spessart-Gymnasium Alzenau
  • Jack-Steinberger-Gymnasium Bad Kissingen

Berlin: 2 Schulen

  • Askanisches Gymnasium Berlin
  • Europäisches Gymnasium „Bertha von Suttner“

Mecklenburg-Vorpommern: 1 Schule

  • Große Stadtschule Geschwister-Scholl-Gymnasium Wismar

Rheinland-Pfalz: 1 Schule

  • Gymnasium Traben-Trarbach

Saarland: 1 Schule

  • Hochwald-Gymnasium Wadern

Deutsche Auslandsschulen: 1 Schule

  • Deutsche Schule Stockholm

Antike exempla et errores für uns heute – das Demokratie-Thema prägte den Bundeskongress des Deutschen Altphilologenverbandes in Frankfurt

Rund 500 Lehrkräfte der Fächer Latein und Griechisch aus allen Bundesländern haben beim DAV-Bundeskongress zur Frage der Bedeutung von Latein- und Griechisch-Unterricht  für die politische Bildung gearbeitet. Vom 7. bis 11. April 2026 ging es an der Frankfurter Goethe-Universität um den Leitgedanken „Aus der Antike lernen für die Demokratie von heute und morgen – exempla et errores“.

Die Hessische Landesregierung will gemäß Koalitionsvertrag „Schulen besonders fördern, die sich der europäischen Mehrsprachigkeit – einschließlich der alten europäischen Kultursprachen Latein und Griechisch – widmen“. Darauf wies Katja Sommer als DAV-Bundesvorsitzende hin und verwies auch auf das Konzept zur Begabtenförderung in Mecklenburg-Vorpommern, wo das Fach Altgriechisch an Schwerpunktschulen besonders gefördert wird. Mit  dem Humanismuspreis des DAV wurde  die „berühmteste Althistorikerin der Welt“ (so die FAZ 2025), die britische Altertumswissenschaftlerin und Publizistin Mary Beard, geehrt. Mit drei Ad-Astra-Preisen des DAV wurden junge Lehrkräfte prämiert für besondere Unterrichtskonzepte der Einbeziehung von griechischer Musik, von modernen Graffiti  und von KI. Die öffentliche Podiumsdiskussion zum Kongress-Thema zeigte, dass wir die antiken Denkkonzepte und Erfahrungen modellhaft zum Vergleich nutzen können, um in gegenwärtigen Krisen gute Entscheidungen treffen zu können.

Die Antike als Reflexionsraum für politische und gesellschaftliche Fragen unserer Gegenwart war Thema in rund 75 Fachvorträgen und Arbeitskreisen des Kongresses. Der griechische Historiker Herodot beschreibt, wie Griechen und Perser u.a. bei der Schlacht von Marathon zu überlegten Entscheidungen kamen. Der Dichter Homer erzählt in seinem Epos über den Trojanischen Krieg von Zorn und humanem Mitgefühl, wenn er den Griechen Achilleus charakterisiert, und warnt mit sezierenden Schlachtbeschreibungen vor Krieg und dessen traumatisierenden Folgen. Neuere Forschungen in Archäologie und Alte Geschichte zeigen etwa am Beispiel der vielfachen Facetten weiblicher Partizipation in der Antike, wie sehr weit verbreitete heutige Vorstellungen revidiert werden müssen. Bei der Darstellung der römischen Kaiser in den Biographien des römischen Autors Sueton sehen wir, wie politisch auch scheinbar nur Privates gedeutet wird.

Die epochalen Auswirkungen von generativen Schreibprogrammen, also „künstlicher Intelligenz“, auf unsere Gesellschaft prägten viele Diskussionen des DAV-Kongresses. Wird durch die KI der Status des Menschen als Mensch in Frage gestellt? Wie kann das Dilemma von Arbeitserleichterung versus Deskilling gelöst werden? Werden wir uns künstlichen Algorithmen ergeben oder unsere besonderen Merkmale als Menschen, selbstständiges Denken und Empathie, bewahren? Befinden wir uns in einer Krise des Humanen? Der Leitgedanke des Humanismus reagierte mit Erasmus von Rotterdam, Wilhelm von Humboldt und dem sogenannten dritten Humanismus während der Weimarer Republik (Werner Jaeger) auf gesellschaftliche Krisen. Mittels des Logos, dem griechischen Begriff für menschliche Vernunft und Sprache, ging es den Humanisten immer darum, das Denken als besondere Fähigkeit des Menschen möglichst umfassend auszubilden. Somit ergibt sich gemäß dem Satz des Schulpädagogen Klaus Zierer das Paradoxon: „Die Stärke der digitalen Welt steht auf den Schultern der analogen Welt.“

Latein und Griechisch profitieren in Wissenschaft und Unterricht, so in der Papyrologie, erheblich von KI. Den Gefahren von KI kann der in erster Linie analoge altsprachliche Unterricht wirkungsvoll begegnen. Somit dürften diese Schulfächer, die für Sprachbildung und selbstständig kritisches Denken stehen, in Zukunft für unsere Demokratie weiter an Wichtigkeit gewinnen.

Rede der Vorsitzenden zur Eröffnung des Bundeskongresses in Frankfurt am Main, 7. April 2026

Worin liegt die wichtigste Demokratie-bildende Leistung des altsprachlichen Unterrichts für unsere Gesellschaft?

Das, meine Damen und Herren, und ich freue mich sehr, dass Sie heute so zahlreich den Weg hierher gefunden haben, das ist die Leitfrage unseres Kongresses - und es ist auch eine der zentralen Leitfragen unserer programmatischen Arbeit als Fachverband für Griechisch und Latein an Schulen und Universitäten.

Sehr geehrte Frau Vizepräsidentin Pirker, vielen Dank, dass Sie als Hausherrin uns hier persönlich begrüßen und bereits im Kongressbegleiter in Ihrem Grußwort betont haben, dass „die Alten Sprachen – Latein und Griechisch – […] immer noch ein wichtiger Schlüssel zu Grundtexten und Grundbedingungen  der europäischen Kultur und Wissenschaft <sind> und erst die Kenntnis dieser Sprachen […] den fundierten wissenschaftlichen Umgang mit unserer Welt“ ermöglicht.

Als ehemalige Schülerin des Uhland-Gymnasiums in Tübingen und Theologin wissen Sie natürlich um den Wert.

Wir freuen uns außerordentlich, dass die Universität Frankfurt sich so sehr dafür einsetzt, dass die Grundlagen dessen, wo unsere Begriffe von Demokratie, Politik, Wettbewerb als agonalem Prinzip, Concordia, Harmonia, consensus omnium als Ziel zur Überwindung von Spaltungen in unserer Gesellschaft und nicht zuletzt das Nachdenken über Tugenden, die den Einzelnen befähigen, die Verwirklichung seines bestmöglichen Ichs anzustreben, um schließlich wahre Eudaimonia zu erreichen, dass also die Universität Frankfurt sich dafür einsetzt, dass die Antike auf der Basis der Arbeit mit den Originalen auch weiterhin ihre Orientierungsfunktion in unserer Gesellschaft und – hier lokal - den vielen humanistischen Gymnasien in Stadt und Umland Frankfurts entfalten kann! Und – so unser Wunsch: Möge das dementsprechend auch bei der Frage des Erhaltes der dafür notwendigen Professuren seinen Ausdruck finden!

Sehr geehrter Herr Staatssekretär Dr. Lösel, ganz besonders freuen wir uns, durch Sie die Wertschätzung der Landesregierung überbracht zu erhalten! Bitte übermitteln Sie unserem Schirmherrn, dem Ministerpräsidenten Boris Rhein, unseren ganz herzlichen Dank für sein Grußwort für den Kongressbegleiter, das von echter Liebe zu den Alten Sprachen und der humanistischen Bildung Zeugnis ablegt, der ja selbst an einem unserer Tagungsorte, dem Lessing-Gymnasium, zur Schule gegangen ist, und der durch die explizite Nennung der Förderung des Latein- und Griechisch-Unterrichtes im Koalitionsvertrag (Passage auf der Folie) als politischem Ziel der Landesregierung deutlich gemacht hat, dass es sich dabei für ihn nicht nur um eine schöne Floskel für Festtagsreden und Grußworte, sondern um ein Grundprinzip der hessischen Politik handelt!

Im Herzen von Europa wollen wir Schulen ermutigen und besonders fördern, die sich der europäischen Mehrsprachigkeit – einschließlich der alten europäischen Kultursprachen Latein und Griechisch – widmen. Wir wollen weiterführenden Schulen mit diesem Profil besondere Möglichkeiten zur Erweiterung der Stundentafel, zum Ausbau eines entsprechenden Fächerangebots und zur Beschulung interessierter Kinder auch jenseits des Schulträgerbezirks bieten. (Koalitionsvertrag zwischen CDU und SPD für die 21. Legislaturperiode 2024-2029, S.14)

Und als Bundesverband freut es uns außerordentlich, dass eine so enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen der Landesregierung und dem Hessischen Altphilologenverband besteht, dessen Vorsitzende, Frau Dr. Marion Clausen vom Philippinum in Marburg, ich an dieser Stelle ganz herzlich begrüßen möchte!

Und wir würden uns sehr freuen, wenn Sie, lieber Herr Staatssekretär Dr. Lösel, unserem Schirmherrn unseren großen Dank zurückmeldeten, dass er in diesem Sinne auch auf seinen Wissenschaftsminister einwirkt, um die entsprechende Ausstattung der Goethe-Universität mit einer Professur für Griechisch und einer für Latein als Mindestbestand zu erhalten!

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Dr. Eskandari-Grünberg,

wir freuen uns sehr, dass Sie uns die Wertschätzung der Stadt Frankfurt am Main überbringen, einer Stadt, die ihren Stolz auf ihre Anfänge als römische Stadt (Nida) mit vielen Museen und Grabungsprojekten engagiert pflegt und mit dem Liebieghaus, um nur ein Beispiel zu nennen, über ein ganz außerordentliches exemplum stadtbürgerschaftlichen Kulturmäzenatentums mit dem Schwerpunkt auf der antiken Skulptur und ihrer Rezeption verfügt!

Sie selbst stammen ja aus einer Weltregion, deren Kultur viel älter ist als die der Stadt Frankfurt – und in der Herodot die erste schriftlich dargestellte Verfassungsdebatte der Weltgeschichte verortet! (Wir haben hier jetzt keine Zeit, das Für und Wider der Historizitätsfrage zu erörtern – und es gibt mehrere Vorträge und Arbeitskreise, die diesen locus classicus in unterschiedlicher Weise beleuchten -, es sei hier nur angemerkt, dass die Erörterung dieser Frage: „Ist diese Verfassungsdebatte historisch denkbar oder nicht?“ ein großartiges Beispiel demokratiebildenden altsprachlichen Unterrichts ist.)

Und ganz besonders freue ich mich, die Vertreter unserer befreundeten Verbände begrüßen zu dürfen, für die Mommsen-Gesellschaft Herrn Prof. Hammerstaedt, und für die Euroclassica Herrn Prof. Christian Laes!

Und als absoluten Höhepunkt – the unsurpassable highlight – und deshalb sind Sie ja alle heute hier – I am inexpressibly happy about this momentum felicissimum that I may have the pleasure (and the honour!) to greet here in Frankfurt, you, dear Mary, and also your laudator, you, dear Llewelyn, Classics Professor emerita of Cambridge and Classics Professor of Oxford!

Mary Beard

Und bevor ich gleich das Wort an den Vorsitzenden des Ortskomitees übergebe, Herrn Prof. Bernsdorff, ohne dessen riesiges Engagement dieser Kongress nicht hätte stattfinden können – Dank dafür! –, erlauben Sie mir, noch einen politischen Punkt und zwei inhaltliche als Ansatz zur Beantwortung der Leitfrage:

Zum Politischen: Der DAV ist auch selbst politischer Akteur. Und unser politisches Gewicht steigt mit der Zahl unserer Mitglieder… Daher: Werden Sie Mitglied, falls Sie es noch nicht sind! Und werben Sie Ihre Kolleginnen und Kollegen!

Österreich hat uns vorgemacht, wie man einen bildungspolitischen Konflikt mit den Mächtigen gewinnen kann: - Peter Glatz, der Vorsitzende des österreichischen Altphilologenverbandes wird hier einen Arbeitskreis dazu halten! - Öffentlichkeitswirksamer Rücktritt der Lehrplankommission – schon ist man in den landesweiten Nachrichten, Petition mit Unterschriften von Nobelpreisträgern und anderen Geistesgrößen völlig anderer Fächer, welche die allgemeinbildende Wirkung unserer altsprachlichen Fächer zeigen, unermüdliche Öffentlichkeitsarbeit – bis hin zum Sieg erst in der Sache und dann auch über das Narrativ der Politik: Hatte zuerst der Minister es noch geschafft, den Eindruck zu vermitteln, dass er sich doch mit irgendeinem Aspekt durchgesetzt habe, - und sah es zunächst so aus, als werde ihm dieser face-saving Exit gestattet, so hat es jetzt der Verband sogar geschafft, dieses Narrativ zu drehen: „Latein ist gerettet!“ „Die Stundentafel kann so bleiben, wie sie ist!“ Das sind jetzt die Schlagzeilen in Presse und Fernsehen!

In Niedersachsen, wo das Kultusministerium derzeit plant, den Rechtsanspruch auf die Belegungsmöglichkeit anderer FS als Englisch in der Oberstufe zu beseitigen – und damit aufgrund der fehlenden Stunden an den Schulen de facto deren Abschaffung -, ist es durch entsprechende Öffentlichkeitsarbeit immerhin gelungen, dass die Opposition einen Entschließungsantrag zum Stoppen dieser Reform mit Verweis auf die Fremdsprachenproblematik in den Landtag eingebracht hat, so dass es damit auch dort eine umfangreichere Berichterstattung gab, aber dort ist die Kuh noch nicht vom Eis....

Nun noch zu den zwei inhaltlichen Punkten:

Was also sind unsere programmatischen Anliegen als Fachverband für Griechisch und Latein hinsichtlich der Demokratie-Bildung?

Auf der einen Seite verstehen wir unsere Sprachbildungsleistung in den altsprachlichen Fächern als _wie man heute sagt - Empowerment für unsere Schülerinnen und Schüler, indem wir sie durch das Proprium unserer Fächer, nämlich mittels der Anleitung zum präzisen Übersetzen, sprachlich in den Stand versetzen, über diejenige Sprachkompetenz zu verfügen, die für eine gleichberechtigte Teilhabe nicht nur an geistesgeschichtlichen Diskursen, (wie wir sie im Feuilleton unserer großen Zeitungen finden), sondern an allen Bereichen des beruflichen, gesellschaftlichen und politischen Lebens unabdingbare Voraussetzung ist.

Und lassen Sie mich in puncto des EPA- und Leistungsmessungsdiskurses hier nur kurz anmerken: Es ist ein Missverständnis, zu glauben, bei der Übersetzungsaufgabe gehe es in erster Linie um Textverständniskompetenz. Textverständnis, Interpretation und Übersetzung sind selbstverständlich, niemand bestreitet das, aufs engste miteinander verbunden. Nur weil wir im Zweifelsfall bei der Gewichtung grammatischer oder syntaktischer Fehler die Entstellung des Textsinnes heranziehen, heißt das nicht, dass es bei der Übersetzungsaufgabe in erster Linie um den Nachweis von Textverständnis gehe. Vielmehr geht es hier um den Nachweis von Übersetzungskompetenz. Diese hat letztlich Sprachbildung zum Ziel.

Und dann gibt es noch ein beliebtes Sprachspiel der „Leistungsmessungswissenschaft“: Die Zuweisung von AFBs, sogenannten Anforderungsbereichen. Gibt es jemanden, der ernsthaft behaupten möchte, die Übersetzung des Satzes: „Senator ad curiam venit“ erfordere eine Urteilskompetenz des AFB III? Hier geht es doch um reine Reproduktion auswendig gelernter Vokabeln. Lassen Sie uns das mit der Aufgabe 1 im Fach Geschichte vergleichen: Das Erfassen der zentralen Aussage eines komplexen deutschsprachigen Textes, die Erarbeitung der Argumentationsstruktur und die angemessene schriftliche Wiedergabe dieses Erarbeitungsprozesses wird als AFB I klassifiziert. Wer versteht das?

Die Übersetzungskompetenz, die erforderlich ist, um einen einigermaßen komplexen lateinischen oder griechischen Text im Deutschen angemessen wiederzugeben scheint mir durchaus vergleichbar mit der historischen Einordnungskompetenz im Fach Geschichte, wenn ein historischer Quellentext in seine historischen Kontexte eingeordnet wird. Auch da ist einiges an Urteilskompetenz vonnöten, das Ganze wird dem AFB II zugeordnet.

Hierbei möchte ich es für heute belassen, nicht nur Euripides verfasste seine Texte mehr dazu, Irritationen zu wecken und Fragen offen zu lassen (freuen Sie sich auf das neue Forum Classicum, da erfahren Sie mehr dazu!), auch hier soll es erst einmal um Erschütterung von vermeintlichen Selbstverständlichkeiten gehen…

Soviel zum Bereich Sprachbildung.

Auf der anderen Seite beanspruchen wir eine Orientierungsfunktion durch die Beschäftigung mit den antiken Texten, gerade weil wir sie nicht als Idealbild anbeten – wie es manchmal als Vorwurf erhoben wird - und wie bei vielen Vorwürfen, werden auch hier eher Pappkameraden aufgestellt, die man dann mit Genuss umwerfen kann -, sondern weil wir uns gemeinsam mit unseren Schülerinnen und Schülern kritisch und hermeneutisch mit ihnen auseinandersetzen, ihre Positionen zu verstehen und einzuordnen suchen und gerade dadurch ein besseres Verständnis unserer eigenen Situationen erhalten, sei das in Geschlechterrollenzuschreibungen, sei es in Konfliktanalysen, in biographischen Vergleichen oder in Friedens- und Konfliktlösungsansätzen – und auch in kritischen Auseinandersetzungen mit der Staatsform Demokratie: Wer einerseits, wie Thukydides im Epitaphios, das hohe Lob seines demokratischen Gemeinwesens singt, darf und muss vielleicht sogar, andererseits auch Auswüchse der Demagogie benennen dürfen, ohne als Feind der Demokratie abgetan zu werden – was wäre heute aktueller?

Oder auch, ganz aktuell, in der Frage, wie wir angesichts sogenannter künstlicher Intelligenz das Humanum und den Humanismus neu bestimmen müssen. (Prof. Bernsdorff wird dazu einen Vortrag halten, auf den ich schon sehr gespannt bin!)

Allen diesen exempla ist gemeinsam, dass man die Orientierungsfunktion nur durch beipielhafte Beschäftigung mit den konkreten Texten gewinnt und zeigen kann – und genau das werden unsere großartigen Referentinnen und Referenten, die ich hier auch ganz herzlich begrüße, in den nächsten Tagen mit Ihnen gemeinsam tun!

Damit ist der Kongress eröffnet.

Und, last but not least, möchte ich unseren Dank gegenüber unseren Sponsoren gebührend zum Ausdruck bringen: Wir danken den Freunden und Förderern der Goethe-Universität und der Schleicher-Stiftung für die großzügige Unterstützung des Kongresses!

Und dem Ernst Klett Verlag, unserem Hauptsponsor, dafür, dass er uns den Empfang finanziert, zu dem Sie alle im Anschluss ganz herzlich eingeladen sind!

Rita Süssmuth, Trägerin des Humanismuspreises des DAV 2018, verstorben

Am 1. Februar 2026 ist Prof. Dr. Rita Süssmuth, ehemalige Bundesministerin und Bundestagspräsidentin verstorben. Im Jahr 2018 verlieh ihr der DAV den Humanismuspreis, der ihr im Rahmen des Saarbrücker Kongresses überreicht wurde.

In der damaligen Begründung hieß es: „Sie hat sich als Katholikin aus ihrem christlichen Glauben heraus nachdrücklich für die Rechte der Frauen und für die Familien in der Welt von heute eingesetzt. Als mit AIDS und HIV neue existentielle Gefährdungen entstanden waren, hat sie sich mutig gegen die Krankheit und für die Betroffenen engagiert und ist gegen jede Form von Ausgrenzung vorgegangen. Schon früh hat sie die Bedeutung von Zuwanderung und Migration erkannt und versucht, Antworten auf diese drängenden Herausforderungen zu finden. Darüber hinaus ist ihr auch die dauerhafte Aussöhnung mit Polen ein tiefes Anliegen.“

Dem ist auch im Abstand von acht Jahren nichts hinzuzufügen, allenfalls die Tatsache, dass auch die persönliche Begegnung vor, während und nach der Preisverleihung zu tiefst beeindruckt hat.

Der DAV ist stolz darauf, dass sie unter so zahlreichen Ehrungen auch unseren Preis angenommen hat, und wird ihr stets ein ehrendes Andenken bewahren.

Ulrich Schmitzer (2018 Mitglied im Geschäftsführenden Vorstand des DAV)

AD ASTRA – Innovationen für den Unterricht Nachwuchswettbewerb für Latein und Griechisch

ad astra 2025

Der Deutsche Altphilologenverband (DAV) und der Ernst Klett Verlag schreiben für das Jahr 2025/26 zum vierten Mal den Nachwuchswettbewerb für Latein und Griechisch aus. Dieser Wettbewerb AD ASTRA richtet sich an junge Lehrkräfte im Referendariat sowie in den ersten fünf Berufsjahren.

Eingereicht werden kann eine eigene und in der Praxis selbst erprobte Idee, die ein innovatives Element enthält: eine kluge, clevere und vielleicht auch mutige methodische oder didaktische Neuerung. Diese Idee sollte das Lernen der Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt stellen, die Freude am Fach wecken und auf andere Lerngruppen übertragbar sein. Die Idee muss schlüssig, überzeugend und nachvollziehbar dargestellt werden.

Was ist einzureichen?

  • Deckblatt (Name und Anschrift der Schule / Thema / Jahrgangsstufe(n) / Postanschrift, Telefonnummer und
  • Mail-Adresse der Bewerberin / des Bewerbers),
  • Darstellung der Idee und ihrer Umsetzung unter Benennung des innovativen Elements, max. 3 Seiten DIN A4 (PDF),
  • Unterrichtsmaterialien (PDF, PPT, MPEG, MP3, MP4 etc.) als Anhang unter Angabe der verwendeten Quellen und
  • Literatur, insgesamt max. 15 MB,
  • Bestätigung des Bewerbers / der Bewerberin, dass es sich um eine eigene und selbst erprobte Idee handelt,
  • Kurzvita (im Schuldienst seit …).

Teilnahmebedingungen:

Lehrkräfte im Referendariat können prüfungsrelevante Lerneinheiten aus ihren schriftlichen Arbeiten und Lehrproben vor dem Abschluss der Ausbildung weder in Teilen noch als Ganzes einreichen. Eine Jury aus Fachleuten des DAV und des Ernst Klett Verlages trifft eine Auswahl aus den Einsendungen und befindet über die Zuerkennung der Preise. Das Preisgeld wird vom Ernst Klett Verlag gestiftet. Für Platz eins werden 750 €, für Platz zwei 500 € und für Platz drei 250 € ausgelobt.

Die Verleihung der Preise findet im Rahmen des DAV-Kongresses in Frankfurt/Main im Frühjahr 2026 statt. Im Falle der Platzierung werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Kongress ein­ geladen, um ihre Idee vorzustellen. Ferner wird die Veröffentlichung der prämierten Ideen angestrebt.

Der Beitrag ist einzureichen per E-Mail an:

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Einsendeschluss ist der 31.10.2025. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

+++ Herzlichen Dank an alle Lehrerinnen und Lehrer, die beim diesjährigen Wettbewerb AD ASTRA Arbeiten eingereicht haben.

Leider gab es bei der Übermittlung temporär technische Schwierigkeiten. Daher könnte es sein, dass nicht alle eingereichten Arbeiten bei uns angekommen sind.

Wir möchten alle, die keine Eingangsbestätigung von mir erhalten haben, bitten, Ihren Beitrag zeitnah noch einmal mit Angabe des ursprünglichen Einsendedatums an die Adresse Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! zu senden.

Vielen Dank.

Für die Jury: Hartmut Loos +++

Grußwort der Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Karin Prien anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Deutschen Altphilologenverbands

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Mitglieder des Deutschen Altphilologenverbands,

meinen herzlichen Glückwunsch zu diesem besonderen Jubiläum! Seit nunmehr 100 Jahren setzen Sie sich leidenschaftlich und kompetent für die Vermittlung und Pflege der alten Sprachen Latein und Griechisch ein – Sprachen, die weit mehr sind als Relikte der Vergangenheit.

Auch heute noch bilden sie das Fundament in vielen Berufen– etwa in der Medizin, der Rechtswissenschaft, der Theologie oder der Archäologie. Gleichzeitig öffnen sie uns das Tor zu einer Welt, in der zentrale Fragen unseres Menschseins erstmals systematisch gestellt und beantwortet wurden. Die Gedanken eines Sokrates zur Ethik, die Rhetorik einer Aspasia oder die philosophische Gelassenheit eines Senecas sind zeitlos und wirken bis heute in unser demokratisches Selbstverständnis hinein. Sie fordern uns auf, kritisch zu denken, Argumente abzuwägen und Verantwortung zu übernehmen – Fähigkeiten, die in einer komplexen, globalisierten Welt für unsere Gesellschaft unverzichtbar sind. Um aus der Vergangenheit zu lernen, müssen wir sie begreifen. Dafür brauchen wir das Verständnis alter Sprachen und müssen dieses bewahren und weiterentwickeln.

Besonders erfreut bin ich über aktuelle wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass diese Sprachen nicht nur kulturelle Bildung vermitteln, sondern auch Brücken für Kinder aus sozial benachteiligten Familien bauen können. Hier verbinden sich Bildungs­gerechtigkeit und kulturelles Erbe auf vorbildliche Weise.

Nicht zuletzt möchte ich diese Gelegenheit nutzen, dem Deutschen Altphilologen­verband für die Unterstützung des Bundeswettbewerbs Fremdsprachen und die hiermit verbundene Stärkung der Vielfältigkeit unseres Bildungssystems zu danken. Möge der Verband auch in den kommenden Jahrzehnten mit gleicher Kraft und Überzeugung wirken – als Hüter eines einmaligen Schatzes und als Gestalter einer Bildung, die Herkunft, Sprache und Kultur miteinander verbindet.

Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem 100-jährigen Bestehen!

Mit freundlichen Grüßen

Karin Prien
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend

karin prien data

Tag der Offenen Tür des Bundesbildungsministeriums

IMG 20250824 135410999Beim Tag der Offenen Tür des Bundesbildungsministeriums am 26.8.2025bezeichnete unsere neue Bundesbildungsminsterin Karin Prien sich als ein großer Fan von Latein - nicht nur habe es ihr persönlich viel gebracht, auch ihre Kinder habe sie ganz bewusst auf ein humanistisches Gymnasium geschickt! Und das habe nicht nur mit Sprachbildung zu tun.

Jubiläumsprogramm: 100 Jahre Deutscher Altphilologenverband

Liebe Mitglieder des Deutschen Altphilologenverbandes!

Der Festakt zum hundertjährigen Bestehen des Deutschen Altphilologenverbandes am 19. und 20. September 2025 in Berlin rückt heran, und wir freuen uns auf ein baldiges Wiedersehen mit vielen von Ihnen und Euch!

Im » Anhang finden Sie das offizielle Programm der Feierlichkeiten; wie daraus zu ersehen ist, bitten wir aus Gründen der Kapazitätsplanung nun doch um eine Anmeldung für drei Veranstaltungselemente.

Bitte schicken Sie bis zum 12. September 2025 eine E-Mail an

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!,

wenn Sie an der 

  • Abendveranstaltung am Freitag, dem 19.09.2025,
  • der Vormittagsveranstaltung am Samstag, dem 20.9.2025
  • und / oder der Führung im Alten Museum am Nachmittag des 20.9.2025 

teilnehmen möchten. 

Wir wünschen weiterhin (oder demnächst) erholsame Ferien - bis bald!

Ihr/Euer DAV-Bundesvorstand

Katja Sommer, Stefan Freund, Stefan Faller.

» Programm: 100 Jahre Deutscher Altphilologenverbandrogramm: 100 Jahre Deutscher Altphilologenverband

  1. Petition: Erhalt der Alten Sprachen am Görres-Gymnasium Koblenz
  2. Deutscher Lehrkräftepreis an Michael Stierstorfer
  3. Bundeswettbewerb Fremdsprachen 2025: DAV-Sonderpreis
  4. Bundeskongress 2026 in Frankfurt/Main

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Der nächste DAV-Bundeskongress findet vom 18. bis 22. April 2028 in Salzburg statt.

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Neuerscheinung des Monats

Baslez, M. – F. (2026), Histoire des premières communautés chrétiennes. Ier - IIIe siècle. Éditions Tallandier, Paris 2026. 224 S. EUR 10,- (ISBN 979-10-210-6766-0).

Marie-Françoise Baslez (1946-2022) studierte unter anderem Geschichte und verfasste ihre Dissertation unter der Ägide des Gräzisten André Laronde. Sie lehrte an verschiedenen französischen Universitäten, zuletzt an der Sorbonne in Paris (Geschichte des antiken Christentums). Baslez (B.) hat zahlreiche Bücher verfasst (Comment notre monde est devenu chrétien (2008), Jésus: Dictionnaire historique des évangiles (2017), Comment les chrétiens sont devenus catholiques: Ier – Ve siècles (2019)). Ihr letztes Buch trägt den Titel: L’Église à la maison: Histoire des premières communautés chrétiennes (Ier – IIIe siècle) (2021). Die Neuauflage des zuletzt genannten Buches ist die Grundlage für meine Rezension. Die Autorin hat mehrere Preise gewonnen, unter anderem den Prix François-Millepierres (2017). In ihren Publikationen befasst sie sich vorwiegend mit den Religionen der griechisch-römischen Welt und untersucht die Strukturen der religiösen Gemeinschaften und die Verankerung in den verschiedenen Netzwerken.

Das zu besprechende Buch ist klar gegliedert und enthält nach der Einführung (Introduction, 7-15) acht Kapitel. Im ersten Kapitel (Les Églises de maisonnée: représentation et réalité, 17-34) werden wesentliche Grundbegriffe erläutert, deren Kenntnis für das Verständnis der Darlegungen unabdingbar sind. Im zweiten Kapitel befasst sich B. mit dem Mythos einer Kirche im Untergrund (Ni cachées, ni confinées: le mythe d’une Église souterraine, 35-52). Im Mittelpunkt des dritten Kapitels werden Fragen zu den Freiheiten und den Zwängen der Frauen in der Frühzeit des Christentums behandelt (La maisonnée, fabrique de féminisme?, 53-71), während im vierten Kapitel Überlegungen zum Sklavenstand im Vordergrund stehen (Fraternité et dépendance: la question de l’esclavage, 73-92). Gedanken zu Migrationsbewegungen aus beruflichen Gründen (Migrations professionnelles et mobilité religieuse, 93-113) werden im fünften Kapitel geäußert. Mit Erklärungen wichtiger Strukturen innerhalb der Kirche macht B. die Leserinnen und Leser sowohl im sechsten Kapitel (Églises en réseaux, Église synodale, 115-132) als auch im siebten Kapitel (À l’heure du choix personnel, 133-152) vertraut. Im achten und letzten Kapitel geht es um die Entwicklung und Kontinuität der Kirche im Kleinen und im Großen (Entre évolution et continuité: de l’Église à la maison à la Maison de l’Église, 153-171). Daran schließen sich eine Zusammenfassung (Conclusion, 173-180), die Anmerkungen (Notes, 181-207) sowie eine Auswahlbibliographie an (Bibliographie sélective, 209-219), die hauptsächlich Französisch sprachige Titel, aber auch zahlreiche englische, wenige italienische, keinen einzigen deutschen Titel enthält. Wie üblich in französischen Publikationen findet man das Inhaltsverzeichnis am Ende des Buches (Table, 221-223).

Bereits in der Einleitung lassen einige Bemerkungen der Autorin deutlich werden, dass sie ausgewiesene Kennerin des frühen Christentums ist. Sie weist daraufhin, dass die Geschichte dieser frühen Phase des Christentums mehrheitlich auf schriftlichen Quellen basiert (9). Das Textcorpus erhöhe sich kaum und verändere sich auch nicht, aber die Art und Weise die Texte zu lesen und zu behandeln variiere (9). Andererseits sei der Beitrag der Archäologie (Einrichtungen der Architektur, Bildnisse, Inschriften, Papyri) nicht zu unterschätzen (9). Sie vergisst nicht darauf aufmerksam zu machen, dass man die christlichen Texte nicht nur wegen ihres Informationsgehalts liest, sondern auch wegen ihrer Techniken und Schreibstile, außerdem seien sie Ausdruck einer Pastorale, bei der die Sorge um die Kommunikation vorrangig ist (11). Nach ihrer Aussage bewegt sich ihre Darstellung zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, der Geschichte der Anfänge des Christentums und der aktuellen Debatten (13). Am Schluss der Einführung stellt sie eine Frage, von der sie glaubt, dass sie gerechtfertigt ist: «Les maisonnées chrétiennes fonctionnèrent-elles comme un laboratoire d’expériences et d’idées quand il s’est agi de confronter les enseignements de l’Évangile et l’amour du prochain avec un droit et une pratique fondée sur l’autoritarisme?» (Funktionierten die christlichen Hausgemeinschaften wie ein Versuchslabor und ein Labor für Ideen, als es darum ging, die Verkündigungen des Evangeliums und die Nächstenliebe mit einem Recht und eine Praxis zu konfrontieren, die auf einem autoritären System beruht?) (15) (Diese Übersetzungen und die folgenden Übersetzungen stammen vom Rezensenten).

Im ersten Kapitel legt B. insofern die Grundlagen für die Ausführungen in den späteren Kapiteln, als sie die Schlüsselbegriffe genau erklärt, diese aber nicht in der altgriechischen Fassung, sondern in Umschrift bietet. Offensichtlich geht sie nicht davon aus, dass ihre Leserinnen und Leser in der Lage sind, die Begriffe im Original zu erfassen. Daher werde ich für unsere Leserinnen und Leser jeweils den Begriff in altgriechischen Buchstaben mitliefern, dazu aber auch eine deutsche Übersetzung. Hilfreich ist auch, dass die Autorin stets auf Quellen verweist, sei es auf die Texte des Neuen Testaments, sei es auf Schriften der Kirchenväter, aber auch auf pagane Textstellen. Damit erhalten ihre Aussagen ein wissenschaftliches Fundament und zeigen übrigens ihre enorme Kenntnis der antiken christlichen Literatur. Es bleibt noch der Hinweis, dass B. nicht nur für Theologen schreibt, sondern auch für an den antiken Sprachen Interessierte.

Den Auftakt im ersten Kapitel bildet der Hinweis, dass in den ältesten christlichen Texten, nämlich in den autobiographischen Briefen des Paulus, die in den 50er Jahren auf Griechisch verfasst wurden, die Gemeinschaft der Schüler Christi erscheint, basierend auf dem Begriff: Versammlung («rassemblement», 17), im Ursprungssinn des Wortes ekklesia (17) (ἡ ἐκκλησία/Einzelgemeinde, Kirche). B. weist darauf hin, dass der Apostel Paulus als erster diesen technischen Begriff in einem religiösen Kontext verwendet, der weniger allgemein sei als der der Synagoge/synagogue (17), der dem politischen Vokabular entlehnt sei (ἡ συναγωγή). Die ἐκκλησία bedeutete demnach die Versammlung der Bürger, die konstitutive Einrichtung des Zusammenlebens der Gemeinschaft; Paulus hat daraus die Vorwegnahme der Versammlung gemacht, die aufgerufen wurde, vor Gott zusammenzutreten, als die l’«Église de Dieu» (Kirche Gottes) (17)). B. erinnert daran, dass in diesen Kontexten stets der Plural verwendet wird: L’«Église universelle est constituée des «Églises du Christ»» (die universelle Kirche besteht aus Gemeinden Christi (17)), mit Verweis in der Anmerkung auf eine Stelle im Römerbrief (Anm. 2, Rm 16, 16). Dieser Gedanke steht im Zusammenhang mit lokalen und besonderen Gemeinschaften wie l‘«Église de Dieu qui est à Corinthe» ou comme l‘«Église des Thessaloniciens qui sont en Dieu et dans le Christ» (17, Anm. 3, 1 Th 1, 1; 2 Co 1, 1). Paulus wendet sich an diese Gemeinschaften und verortet sie in einer häuslichen Struktur, l’oikos (ὁ οἶκος), der im Lateinischen in domus und im Französischen in «maisonnée» (Hausgemeinschaft) seine Entsprechung hat (18). B. hebt hervor, dass in der griechischen Welt maisonnée die Basisgemeinschaft ist, auf der sich die Stadt gründet. Die Autorin beschreibt mit wenigen Strichen die Entwicklung der Kirche, die ihren Ausgangspunkt bei diesen maisonnées genommen habe, also als l’«Église par maisonnées», über l’«Église de cité» bis schließlich l‘ «Église d‘Empire» entstanden sei, in der Zeit der Regierung Konstantins (18). Interessanterweise verwendet Paulus, wenn er sich an eine Gemeinde wendet, den Genitiv des Namens des Hausherrn oder er benutzt ein Possessivpronomen: «Stéphanas et sa maisonnée» (Stephanas und seine Hausgemeinschaft) (19, Anm. 5, 1 Co, 16, 15: τὴν οἰκίαν Στεφανᾶ).

Für das frühe Christentum war nicht das Individuum entscheidend, sondern die Gruppe, die in einer Hausgemeinschaft lebt (20). In den Acta Apostolorum wird die Kirche von Jerusalem mit dem Begriff pléthos (ὁ πλῆθος, Menschenmenge) bezeichnet, ein Wort, das bereits die Juden in der Diaspora (Anm. 9) verwendeten und das die Idee einer Gemeinschaft vermittelte, die sich trotz der Zerstreuung und Isolierung organisiert hatte (le vocabulaire pléthos, déjà utilisé par les Juifs de la Diaspora, véhiculait l’idée d’une communauté comptabilisée et organisée malgré la dispersion et l’isolement, 20). In Opposition dazu steht der Begriff ochlos (ὁ ὄχλος, ungeordnete Menge), den die Griechen für eine konfuse und nicht bezifferbare Menschenmenge anwendeten (20). Die Ausführungen der Autorin bieten viele interessante Details und Facetten. Wie nebenbei erfährt man, dass Jesus nicht immer der Prediger vor großen Versammlungen unter freiem Himmel war, sondern häufig in Privathäusern in Galiläa und Judäa gepredigt hat (21). In Privathäusern fanden auch Taufen statt, die etwa Petrus vornahm; so ließ sich ein römischer Centurio namens Cornelius mit seiner gesamten Hausgemeinschaft, den Angestellten, Verwandten und engen Freunden taufen (22, Anm. 17, Ac 10, 1-7). Im Verlauf der Geschichte wurde die Organisation der Hausgemeinschaft (ὁ οἶκος, maisonnée,) immer komplexer und größer, etwa durch die Landflucht und die Migrationsbewegungen (25). B. bemerkt dazu, dass die Freigelassenen am oikos gebunden blieben, zumindest bis zum Tod des Hausherrn, aufgrund einer Klausel des Aufenthaltsrechts (ἡ παραμονή, paramonè, 25). Sie beschreibt zunächst die typisch griechische und römische Hausgemeinschaft der vorchristlichen Zeit (28-32), um dann Einzelheiten der christlichen Hausgemeinschaft zu liefern (32-34). Es wird auch das Vokabular einer derart neuen maisonnée chrétienne präsentiert; an der Spitze eines Bistums steht bekanntlich der Bischof. Ab dem Ende des zweiten Jahrhunderts wurden die Bischöfe von Rom, Karthago oder Alexandria papa/πάπας («pape», Vater) genannt (32, Anm. 41, Eusebios von Caesarea H. e. 7, 7, 4). Seit Paulus redeten sich die Mitglieder der Gemeinschaft als «frère» ou «soeur» (33) (ὁ ἀδελφός/Bruder, ἡ ἀδελφή/Schwester) an. Diese Anrede war üblich, die christlichen Hausgemeinschaften entwickelten eine Theologie, eine Ethik und sogar eine Ekklesiologie der agapè (33, ἡ ἀγάπη, Liebe), die über den Begriff hinausging, der eine alltägliche Zuneigung bezeichnet: philia (33, ἡ φιλία, Liebe/Freundschaft, Anm. 45, Jn 21, 15-17). Die Christen haben die Konzeption einer brüderlichen/geschwisterlichen Liebe (ἡ φιλαδελφία, philadelphia) auf eine enge Verbindung zwischen der transzendentalen Dimension der Liebe (göttliche Liebe) und der horizontalen Liebe (die Liebe unter den Brüdern/Schwestern) begründet (33). Die agapè/ ἡ ἀγάπη beruht auf einem reziproken Verhältnis zwischen den Beteiligten (34). Die Briefe des Johannes richten sich eher an die «bien-aimés» (οἱ ἀγαπητοί, agapétoi, Lieblinge/Geliebte) als an die «frères» (34, Anm. 50, 1 Jn 2, 7).

Im zweiten Kapitel (Ni cachées, ni confinées: le mythe d’une Église souterraine) möchte B. den Mythos einer Kirche im Untergrund widerlegen, deren Gruppierungen nur versteckt und einsperrt gewesen seien. Die maisonnées/Hausgemeinschaften der Kirche haben sich ihrer Aussage nach sowohl im Inneren der Häuser versammelt als auch außerhalb, bis sie über ein Gebäude verfügten, das ihnen gehörte, und Räume hatten, die für spezielle liturgische Zwecke geeignet waren (35). B. geht kurz auf den Briefwechsel zwischen Kaiser Trajan und Plinius ein, in dem die Regeln für die Verfolgung der Christen genau formuliert sind (36). Ihre Grundthese besteht aber in der Aussage, dass in gewöhnlichen Zeiten und wenn auf Denunziation verzichtet wurde die Christen ein normales Leben führen konnten (37). Aus ihrer Sicht waren die maisonnées Refugien, in denen die staatlichen Kräfte nicht tätig wurden. Sie vertritt die Meinung, dass sich in östlichen Städten das Eingreifen des «gardien de la paix» (ὁ εἰρηνάρκης, l’irénarque, Friedenshüter) auf Patrouillen auf dem Lande reduzierte (37). Des Weiteren seien bis 250 n. Chr. die Repressalien punktuell und situationsabhängig gewesen (39). Auch die Rolle der Katakomben, in denen angeblich Eucharistiefeiern stattgefunden hätten oder als Verstecke dienten, hält sie für einen Mythos (45). Ihrer Meinung nach hätten die Katakomben nur im vierten Jahrhundert als Verstecke gedient, lediglich anlässlich einer Bischofswahl, und dies in der Zeit nach den Verfolgungen (45). Die Idee einer unterirdischen Kirche sei eine Fantasievorstellung des 19. Jahrhunderts, in Erinnerung an geheime Messen in der Zeit der Französischen Revolution (45). Die antiken Nekropolen, die an den Ausfallstraßen der Städte lagen, dienten einer Begegnung zwischen Lebenden und Toten; auf den Epitaphien gebe es manchmal, sehr diskret, ein kleines lateinisches Kreuz; beim ersten Vorkommen des griechischen Buchstabens chi (χ) wurde dieser unterstrichen, weil es der erste Buchstabe des Wortes Christus ist (51). Am Schluss des Kapitels erwähnt B. die Verschlüsselungstechnik, die die Kirchenväter in all ihren Formen schätzten (51); vor allem die isopséphie (ἡ ἰσοψηφία), eine Technik, die den Griechen und Juden gemeinsam war, war beliebt: sie gab jedem Wort einen numerischen und symbolischen Wert und basierte auf der Addition der Werte, die jedem Buchstaben zukommt (51/52).

Im dritten Kapitel (La maisonnée, fabrique de féminisme?) stehen Aspekte der Rolle der Frau im Vordergrund. Während Jesus in den Evangelien als Mann erscheint, der die Frauen bevorzugte («l’homme qui préférait les femmes», 53), steht Paulus seit langer Zeit im Ruf, der erste christliche Frauenfeind zu sein («Paul assume ainsi depuis longtemps la réputation de premier misogyne chrétien» ( 54)). In seiner Nachfolge lese sich die Kirchengeschichte – so B. – als eine Folge von Bestrebungen, die kirchliche Einrichtung immer maskuliner werden zu lassen, wobei die Frauen mit Autorität sukzessive aus den kanonischen Texten verschwunden seien (54). In den neutestamentlichen Schriften wird kaum von Paaren gesprochen, die gemeinsam für die Evangelisierung eintreten. B. nennt einige wenige Beispiele, etwa Philemon und Apphia (60, Anm. 23, Phm 1-2). Sehr aufschlussreich sind die Bemerkungen über unabhängige Frauen und solche, denen Autorität zugesprochen wird (Femmes indépendantes, femmes d‘ autorité, 63-68). B. spricht von Frauen, die in den Acta genannt werden, darunter auch von Lydia (Ac 16, 14-15); sie wird als selbständige Händlerin vorgestellt, Chefin eines Unternehmens (für Purpurstoffe) und Chefin der Familie, die sich mit ihrem gesamten Gefolge hat taufen lassen und die Aposteln in ihrem Haus empfangen hat (63). Eine solche Frau nennt Paulus seine «patronne» (ἡ προστάτις/die Vorsteherin). In der klassischen griechischen Zeit existierte dieser Begriff nicht, nur die maskuline Variante; demgegenüber wurden in der Kaiserzeit die beiden Lexeme (ὁ προστάτης/der Vorsteher; ἡ προστάτις/die Vorsteherin) gebraucht, um die lateinischen Begriffe patronus und patrona zu übersetzen (64/65). B. bemüht nochmals den Briefwechsel zwischen Trajan und Plinius dem Jüngeren; in einem Brief (ep. 10, 96, 8) werden Frauen als ministrae (66) bezeichnet, ein Wort, das B. als lateinische Entsprechung für diákonoi (διάκονοι/Diener) vermutet. Auch wenn Frauen hohe Wertschätzung entgegengebracht wurde, so bedeutet dies nicht, dass sie den Männern gleichrangig waren. Tertullian weigerte sich den Frauen das Recht zuzusprechen, die Leitung des Abendmahles zu übernehmen, wie es in den Apokryphen in einigen Gemeinschaften vorkam (67); es war ihnen auch untersagt zu predigen und zu taufen. Am Ende des dritten Jahrhunderts rechtfertigt Origenes den Ausschluss der Frauen mit sozialen Konventionen (67). Weitere interessante Einblicke in die Rolle von Frauen bietet B. im Abschnitt über die Witwen und Jungfrauen (Veuves et vierges: l’organisation des femmes entre elles (68-71)).

Im vierten Kapitel (Fraternité et dépendance: la question de l’esclavage) werden Fragen zum Thema Sklaven behandelt. B. erläutert unter anderem, wie jemand zum Sklaven wurde (etwa durch Piraterie und in Bürgerkriegszeiten) und greift dabei auf bekannte Quellen zurück (75); sie liefert auch Informationen über die finanzielle Lage der Sklaven und wie sich ein solcher freikaufen konnte. Sie geht der semantischen Bedeutung des Begriffs doulos (ὁ δούλος/Sklave oder Diener, je nach Kontext (79-80)) nach, vor allem in neutestamentlichen Schriften. Einen eigenen Abschnitt bietet B. zum Thema freiwilliger Sklavenschaft (Esclavage volontaire et don de soi (82-83)); sie berichtet von Fällen, bei denen Personen freiwillig zu Sklaven wurden, um Lösegeld für Gefangene zu erhalten oder um Geld zu sammeln, um Menschen in Existenznöten finanziell zu unterstützen – wie bei Clemens von Rom nachzulesen ist (Brief an die Korinther 55, 2). Es gab auch Fälle, bei denen Menschen den Sklavenstand erstrebten, um bessere Möglichkeiten für eine Karriere zu bekommen, indem sie eine Ausbildung etwa zum Kalligraphen und Stenographen durchliefen (83). B. berichtet auch von Sklaven, die in einem christlichen Haus lebten (89-92).

Im fünften Kapitel geht es um ein aus heutiger Sicht sehr aktuelles Thema, nämlich um Fragen der Migration (und um die religiöse Mobilität) (Migrations professionnelles et mobilité religieuse). Zu Beginn ihrer Ausführungen erinnert B. daran, dass am Anfang des ersten Jahrtausends Phönizier und Griechen im Westen siedelten, während Wanderungsbewegungen aus Italien nach Afrika zu beobachten waren (93/94). Sie stellt fest, dass Paulus zwar Reisen unternommen hat, aber nicht so viele, wie allgemein angenommen wird (94). Ein Merkmal der Christianisierung sei die Mobilität, für die der Apostel Paulus der Prototyp sei. In diesem Zusammenhang erläutert sie den Begriff des Netzes (le réseau), der von der Soziologie kommt; mit ihm könne man die Beziehungen in der Struktur eines Gebietes analysieren, die die verschiedenen sozialen Einheiten pflegten (94). Paulus entwickelte ein Netz, das auf familiäre Bande gründete und professionell ausgerichtet war. Die Kontakte wurden mit Briefen, persönlichen Besuchen und solcher seiner Mitarbeiter gepflegt (95). Der antike Migrant war weder ohne Wurzeln noch stand er am Rand der Gesellschaft. Es gab Wanderkaufleute, (ὁ ἔμπορος, emporos) die zwischen einzelnen Stationen unterwegs waren, Briefe und Botschaften überbrachten und für einen Ideenaustausch sorgten (96). In diese Handelsnetze waren auch Frauen eingebunden, die wie eine Frau namens Lydia zur Welt des internationalen Handels gehörten (99). Wie stets gibt B. hier auch die entscheidenden Quellen an (Ac 16, 13-15). Ein herausragendes Beispiel für christliche Mobilität ist Irenäus von Lyon, der aus Smyrna stammte (105). Auch die Familien der Soldaten spielten bei der Christianisierung eine wichtige Rolle (107-109).

In den letzten drei Kapiteln werden einige Aspekte weiter entfaltet, so etwa die Kirchen in den Metropolen, die Beziehungen zwischen einzelnen Gemeinden im Gesamtreich oder auch der Unterschied zwischen Stadt und Land. B. geht auch auf das Faktum ein, dass sich Bischöfe einer Region auf Synoden (ἡ σύνοδος/concilium/synode, 129) getroffen haben, um den einzelnen Kirchengemeinden die Möglichkeit einzuräumen, effektiv an notwendigen Beschlüssen teilzunehmen (Kapitel VI). Hinweise auf den synodalen Weg, wie er in Deutschland seit 2018 im Gespräch ist, werden nicht geliefert, offensichtlich auch, weil es sich hierbei wohl um ein deutsches Phänomen handelt, das in der Weltkirche unterschiedlich betrachtet wird. Im siebten Kapitel wird unter anderem thematisiert, dass der theologische Aufruhr (l’effervescence théologique) ab dem zweiten Jahrhundert in der Kirche zur Herausbildung verschiedener Meinungen geführt hat, der unter anderem den Begriff «hérésie» (αἵρεσις/Lehre, Weltanschauung) aufkommen ließ (136). Ursprünglich verstand man darunter, dass ein freiwilliger Zusammenschluss durch eine enge Bindung an griechische und jüdische philosophische Gruppierungen erfolgte; demgegenüber nenne man heute den Begriff Häresie im Zusammenhang mit einer Typologie, die Anderssein, Irrtum und Ausschluss assoziiere (136). Hier hätte man mit Gewinn auf deutschsprachige Publikationen zum Thema Häresie und christliche Polemik verweisen können. Auch im siebten Kapitel gibt es eine Reihe von bemerkenswerten Informationen, etwa dass Christen eine weitere Identität bzw. einen anderen Namen annahmen, wenn sie in einen anderen Kultur- oder Sprachkreis gelangten. Dabei spielte die Formulierung «dit aussi» /„auch genannt“ oder „auch bekannt“ eine wichtige Rolle; als Beispiele seien genannt: «Saul dit aussi Paul»/ Saul auch genannt Paul oder «Ignace dit aussi Théophore» (137, Anm. 12, Ac 13, 9). Offenbar diente dieser doppelte Name der leichteren Integration des Namensträgers (139). B. führt weitere Punkte an, die im Verlauf der Frühzeit des Christentums eine nicht zu unterschätzende Rolle spielten; dazu gehören die Auflösung der Ehe und die Keuschheit, ein Thema, dem Tertullian nicht weniger als sechs Abhandlungen gewidmet hat (142). Es fehlten auch nicht Debatten über den Verzicht auf Fleisch- und Weingenuss, sogar während der Eucharistie, ebenfalls auf Entsagung von Reichtum und eigenem Besitz (146). Probleme entstanden bisweilen, wenn in einer Gemeinschaft Frauen und Männer unter einem Dach lebten (148). B. stellt eine sehr interessante Frage: «Est-on passé du féminisme à la déféminisation?» (149). Auch im achten Kapitel werden bedeutsame Informationen mitgeteilt. So gab es am Ende des zweiten Jahrhunderts Familien, aus denen bis zu acht Bischöfe hervorgingen (158/161). B. geht auch noch einmal auf die verschiedenen Bedeutungen von «église» (Kirche), unter anderem mit dem Sinngehalt eines Gebäudes für die christlichen Gemeinschaft (169), seit der Verfolgung unter Diokletian 303 n. Chr. belegt (Anm. 64, Eusebios von Caesarea, H. e. 8, 2 ,4). Die Christen selbst allerdings bevorzugten, in der Tradition der Juden, für den Ort, wo sie sich zum Gebet versammelten, den Ausdruck «lieu de prière» (προσευχή/proseuchè/Ort des Gebets, 169). Die Versammlungsorte der Christen entwickelten verschiedene Funktionen: Taufkapelle, Ort für die Eucharistie, Ort für Zusammenkünfte und möglicherweise auch für Unterweisungen, aber auch Empfangsort für die Ärmsten (170). Am Anfang des vierten Jahrhunderts gab es gemäß den Quellen in einem Anbau einer Kirche sogar für die Gemeindemitglieder eine Bibliothek (170). Der Schlusssatz lautet: «Évangéliser en dehors et au-delà du cadre privé de la maisonnée conduisit les chrétiens à réclamer la liberté de réunion et le droit de propriété, puis la liberté d’association et enfin la liberté de conscience» (Das Evangelium außerhalb und jenseits der privaten Sphäre der Hausgemeinschaft zu verkünden brachte die Christen dazu, für sich die Versammlungsfreiheit und das Recht auf Eigentum, dann die Freiheit für eine Vereinsgründung und schließlich die Freiheit des Gewissens zu beanspruchen).

Als Fazit ergibt sich, dass B. einen nachvollziehbaren Aufbau des Buches und eine klare Strukturierung der einzelnen Kapitel realisiert hat. Es werden entscheidende Grundbegriffe erläutert. B. greift auf wichtige französische und englische Publikationen zurück. Sie kennt sehr genau die christlichen Quellen, sowohl die neutestamentlichen Schriften als auch die Texte der Kirchenväter; darüber hinaus beruft sie sich in ihren Darlegungen auch auf pagane Autoren und auf Rechtsquellen. Auffällig ist ihre Strategie, Fragen zu formulieren, die dann auch beantwortet werden. Möglicherweise will sie damit die Leserinnen und Leser zur Mitarbeit und zum Mitdenken auffordern. Die altgriechischen Schlüsselbegriffe werden lediglich in Umschrift offeriert. B. verweist im gesamten Buch immer wieder auf Paulus, dem sie auch eine eigene Publikation gewidmet hat (Dies., Saint Paul. Artisan d’ un monde chrétien. Fayard Paris 1991). B. bietet viele Informationen über die ersten christlichen Jahrhunderte und darüber hinaus. Zahlreiche interessante Details liefert sie en passant, damit die Leserinnen und Leser ihre Ausführungen besser einordnen können. Es wäre nützlich, wenn das Buch auch ins Deutsche übersetzt würde, damit sich der Leserkreis erweitern und von ihren Darlegungen profitieren könnte.

Dietmar Schmitz

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