{phocagallery view=category|categoryid=3|limitstart=0|limitcount=0|detail=5}
{phocagallery view=category|categoryid=3|limitstart=0|limitcount=0|detail=5}
Jannik Lengeling, Verschwörungstheorien in der späten römischen Republik, Stuttgart (Franz Steiner Verlag) 2026 [Historia Einzelschriften 278], ISBN 978-3-515-14202-1 (Print, 74,00 €), 978-3-515-14209-0 (E-Book, Open Access)
Die Aktualität und Wirkmächtigkeit von Verschwörungstheorien ist in den letzten Jahren auch denjenigen, die vielleicht die Chemtrails oder die „flache Erde“ noch als harmlose Spinnereien abzutun geneigt waren. Interessant an dem Begriff ist jedenfalls, dass ihn niemand für sich selbst beanspruchen würde: Entweder deckt man echte Verschwörungen auf – oder man enthüllt vermeintliche Erkenntnisse als Verschwörungstheorien. Wie man im politischen Diskurs damit operiert, zeigt Jannik Lengeling in seiner Dissertation am Beispiel Ciceros. Zunächst entwickelt er ein theoretisches Konzept von „Verschwörungstheorie“, das er nicht modern‑psychologisch, sondern historisch‑pragmatisch fasst. Eine Verschwörungstheorie liegt für ihn vor, wenn politische Akteure Ereignisse oder Gesetzesvorhaben durch den Rückgriff auf geheime Absprachen, verborgene Hintermänner und verdeckte Machtstrukturen erklären. Entscheidend ist nicht, ob die behauptete Verschwörung real existierte, sondern dass der Sprecher sie als kohärente Deutung anbietet, die moralische Polarisierung erzeugt und politische Gegner delegitimiert. Verschwörungstheorien sind damit ein rhetorisches Instrument, das die Grenze zwischen plausibler Warnung und dramatisierender Unterstellung bewusst verwischt. In der späten römischen Republik, so Lengeling, war dieses Deutungsmuster kulturell akzeptiert und wurde von Cicero systematisch genutzt. Auf dieser Grundlage zeigt Lengeling, dass Cicero bereits in In toga candida (64 v. Chr.) Catilina als jemanden zeichnet, der sich mit Verbrechern verbündet, Mordpläne schmiedet und die Republik unterwandert. Die späteren Catilinarischen Reden (63 v. Chr.) radikalisieren dieses Bild: Catilina erscheint als Kopf eines umfassenden Komplotts, dessen Anhänger aus verarmten Adligen, verschuldeten Veteranen, Kriminellen und gesellschaftlichen Außenseitern bestehen. Cicero betont nächtliche Treffen, geheime Absprachen und die angeblich minutiös geplante Zerstörung der staatlichen Ordnung. Lengeling zeigt, dass diese Dramatisierung nicht nur der akuten politischen Lage dient, sondern ein grundlegendes rhetorisches Muster Ciceros offenlegt. Auch in Pro Murena (63 v. Chr.) und Pro Sulla (62 v. Chr.) greift Cicero auf den „catilinarischen Komplex“ zurück, indem er politische Gegner mit dem Makel der Verschwörung in Verbindung bringt und ihre Nähe zu Catilinas Umfeld behauptet. Besonders ausführlich analysiert Lengeling die drei Reden De lege agraria (63 v. Chr.), in denen Cicero eine ausgearbeitete Verschwörungstheorie gegen den Volkstribunen Rullus entwickelt. Das Agrargesetz erscheint als Instrument einer kleinen Clique, die Rom entmachten, Capua zur „zweiten Hauptstadt“ machen und sich selbst quasi‑monarchische Vollmachten sichern wolle. Cicero behauptet, die Gesetzesbestimmungen seien bewusst verschleiert formuliert, um die wahren Absichten zu verbergen, und Rullus sei lediglich das Werkzeug unsichtbarer Hintermänner. Lengeling betont, dass diese Darstellung nicht als bloße Polemik abgetan werden kann, weil die politische Kultur der Republik Verschwörungsdenken als plausibles Erklärungsmodell akzeptierte. Auch in späteren Reden, etwa der 14. Philippischen (44 v. Chr.) gegen Antonius, greift Cicero auf dieselben Muster zurück. – Lengeling macht deutlich, wie Ciceros politische Kommunikation durch die (vermeintliche) Enthüllung von Verschwörungen strukturiert ist und wie der mit deren Hilfe Gegner delegitimiert und sich selbst als Verteidiger der Republik inszeniert.
![]()
Aktuell sind 14528 Gäste und keine Mitglieder online