Verehrte Leserinnen und Leser,
wir haben in den letzten Monaten nicht nur den sehr ertragreichen Bundeskongress auf dem Campus Westend der Goethe-Universität zu Frankfurt erlebt, sondern auch neuerliche Angriffe auf den Bestand der Klassischen Sprachen – diesmal bei unseren Freunden in Österreich – zu verzeichnen gehabt und hierzu unternommene Aktionen und Reaktionen recht medienintensiv frei Haus geliefert bekommen. Durchaus erwähnenswert scheint in diesem Zusammenhang, dass im mitteleuropäischen Raum politische Akteure verschiedenster Couleur in der höheren Bildung tiefgründige Durchdringung eigener und fremder Kulturen vermittels der für Europas Humanisten daseinsbestimmenden Welt der Sprachen durch das Abrichten auf morgen schon vorgestrige magere Skills an der Benutzeroberfläche digitaler Paralleluniversen ersetzt wissen möchten, mithilfe derer die Gattung homo sapiens das stetige Befruchten, Bereichern und Weiterentwickeln von Denken und Sprache auf Schritt und Tritt aus eigener Inspiration zugunsten des Umwälzens eines Second-hand- Arsenals sprachsimulierender, ja sprachparodierender Algorithmen in mechanistisch werkelnden Apparaten sukzessive ab- und aufgeben soll. – Eine irre Vision.
Wir wünschen Ihnen einen Frühling in vollendeter Originalsprachlichkeit.
Es gab Beiträge aus allen drei Bereichen, nicht wenig davon zum Unterricht:
- Die Klassischen Sprachen als Lerngegenstand
- Die Gegenwart von Antike, Mittelalter und Neuzeit
- Neues aus den benachbarten Altertumswissenschaften
Zum Themenbereich 1.
Österreichs Regierung gegen Latein
Bereits im letzten DAV-Newsletter hatten wir über eine Mitte November 2025 in der Tagespresse veröffentlichte Ankündigung berichtet (Kronen-Zeitung: Minister will tote Sprachen aus Lehrplan streichen). Konkretisierend wurde im Januar dieses Jahres vom österreichischen Bildungsminister Christoph Wiederkehr der Plan verkündet, Latein und alle zweiten Fremdsprachen in der Abiturstufe des gängigen allgemeinbildenden Gymnasialtyps zugunsten der Neueinrichtung des wolkigen Trendkomposits „Medien und Demokratie“ auf zwei Wochenstunden zu kürzen. Wer sich auskennt, weiß, dass eine Sprache unterhalb der Schwelle von mindestens drei Wochenstunden bestenfalls als AG-Liebhaberei zu betreiben, nicht aber als Fach mit soliden Fortschrittserwartungen zu unterrichten ist. Begleitet wurde der Vorstoß auch vom weidlich strapazierten Schlagwort der „Entrümpelung“. Der Autor dieser Zeilen kann sich nicht erinnern, jemals „Gerümpel“ unterrichtet zu haben. Kurz nach Bekanntwerden des Vorhabens lancierten etliche prominente Intellektuelle, allen voran Elfriede Jelinek, ein Schreiben samt Petition, welche buchstäblich über Nacht außerordentliche Resonanz erfuhr und letztlich über 40.000 Unterschriften erhielt.
Zunächst Meldungen zur Frühphase der Entwicklung:
DER STANDARD
Wiederkehr will weniger Latein, mehr KI und Informatik als eigenes Fach
Link: https://www.derstandard.at/story/3000000306411/wiederkehr-will-weniger-latein-mehr-ki-und-informatik-als-eigenes-fach
Aus einem Bildungsportal:
schule.at
Wer von den Lateinkürzungen betroffen ist
Link: https://www.schule.at/bildungsnews/detail/wer-von-den-lateinkuerzungen-betroffen-ist
Ein Artikel zur Petition:
Kronen Zeitung
Aufstand gegen Politik - „Keine tote Sprache“: Promis kämpfen für Latein
Link: https://www.krone.at/4034711
In diesem Kontext zwei Interviews mit den DAV-Humanismuspreisträgern 2022 und 2014, dem emeritierten Professor und ehemaligen Minister Karlheinz Töchterle und dem Schriftsteller Michael Köhlmeier:
Der Standard
QUO VADIS, LATINITAS? Ex-Minister und Altphilologe Töchterle: "Latein wird das Abendland nicht retten"
Vorarlberg/ORF.at
Köhlmeier spricht sich gegen Kürzung aus
Link: https://vorarlberg.orf.at/stories/3341244/
Im Eiltempo schlossen sich die gut vernetzten Fachkolleginnen und -kollegen aus Lehre, Fortbildung und Forschung kurz und ergriffen die Initiative im Zusammenhang mit Themen, Terminen und Tagesordnungen. Journalistik und allgemeine Öffentlichkeit wurden in enger Folge mit Positionierungen versorgt, mit der Politik wurde intensiv verhandelt. Der Obmann/Praeses der SODALITAS und Mitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Latein AHS (Allgemeinbildende Höhere Schule) sowie Mitglied der Lehrplankommission Peter Glatz war öffentlich präsent, so dass der geschlossene Rücktritt besagter Fachkommission ein breites Medienecho erzeugte.
Die Suche des Bildungsministers nach Ersatzpersonal in Österreich, Südtirol und Deutschland blieb bezeichnenderweise erfolglos.
Zum Frühstadium der Verhandlungen:
schule.at
Nach Kritik: Wiederkehr lädt zu Gesprächen über Lehrpläne
Stellvertretend für die deutsche Berichterstattung (Kurzmeldung):
Deutschlandfunk
Bildungsminister Wiederkehr bekräftigt Pläne für Schulreform – Informatik und KI statt Latein
Unter anderem der offensichtlich absurde Zeithorizont für den von Minister Wiederkehr beabsichtigten Lehrplan führte zum Rücktritt der Expertengruppe:
Kronen Zeitung
Experten traten zurück - Latein-Kürzungspläne: Widerstand gegen Wiederkehr
Link: https://www.krone.at/4060645
Klärungen zum Diskussionsfeld durch Peter Glatz. Dabei macht er auch deutlich, dass der Umgang mit KI und Demokratie Querschnittsaufgaben sind:
KURIER
Bildungsreform als Politshow: Latein ist Demokratiebildung pur
Link (mit Bezahlschranke): https://kurier.at/meinung/gastkommentare/bildungsreform-politshow-latein-demokratiebildung-ki-wiederkehr-lehrplangruppe/403138749
Im weiteren Gang der Verhandlungen nahm der Minister nach seiner Pleite mit der Lehrplankommission sowie unter dem Druck der Öffentlichkeit bis auf eine wenig bedeutsame Kann-Regelung alles zurück, konnte damit aber sein Gesicht wahren:
News.at
Spitzentöne: Latein hat auf allen Linien gewonnen
Link: https://www.news.at/menschen/lateinunterricht-wiederkehr
Das Regelwerk im Überblick:
ORF.at
Lehrplanreform: Stundentafeln können auch gleich bleiben
Link: https://orf.at/stories/3425623/
Worin besteht Bildung?
Eine abschließende Bilanzierung zur Debatte mit Rückbindung an den zunehmend in Entsorgung befindlichen Gesamthorizont liefert Herwig Gottwald:
Die Presse
Alles nur „Gerümpel“? Es geht um mehr als Latein
Link: https://www.diepresse.com/20758015/alles-nur-geruempel-es-geht-um-mehr-als-latein
Paradoxon auch im „Ländle“
Kretschmanns krudes Kulturverständnis ohne Sprachunterricht - Betrachtungen mit einem wichtigen Seitenblick auf die Archäologie an der Humboldt-Universität:
Tichys Einblick
Abschaffung klassischer Inhalte: Wie der woke Zeitgeist Latein durch Smartphones ersetzen will
… Und in Niedersachsen geht es weiter
Die niedersächsische Landesregierung hält weiter fest an der Unterschreitung der KMK-Standards im Abitur, auch hier wiederum insbesondere bei Fremdsprachen:
NEWS4TEACHERS
Oberstufenreform: Ohne zweite Fremdsprache, ohne politische Bildung zum Abitur?
Ebenfalls dazu:
NDR
Landtag streitet über Reform der Oberstufe an Gymnasien
Fernsehen
Auch in Nordrhein-Westfalen wurde das Thema aufgegriffen. Der Beitrag des WDR ist anregend gemacht, und das Programm widmet der Sache fast 14 Minuten. -
Ob der Redaktion da etwas aufgefallen ist: „Weil mein Deutsch ist deutlich besser geworden mit der Satzstellung…“ Und eine „Strohalm“ ist sicher etwas Bukolisches…
WDR
Wozu Latein lernen? Traditionelles Gymnasialfach unter Beschuss
Die etwas andere Annäherung
In Südtirol gibt es einen Redewettbewerb für junge Leute in verschiedenen Sprachen. Es geht ums Überzeugen, selbstverständlich damit auch um den Gebrauch von Sprache. Man darf sie sich aber aussuchen. Florian Gutmann versuchte es beim letzten Mal auf Latein. Bei 1:15 ist er an der Reihe.
ORF
Sag’s multi
Link: https://on.orf.at/video/14311995/sags-multi-aus-suedtirol
Zum Themenbereich 2.
Für einen geschmeidigen Übergang noch etwas zu Latein im Vatikan
Es geht in diesem Nachtrag nebenbei auch um Aramäisch. Lesen Sie selbst.
Die Presse
Gott sprach gar nicht Latein
Link: https://www.diepresse.com/20345959/gott-sprach-gar-nicht-latein
Regimewechsel
„Fake“ gibt es nicht nur bei Nachrichten und Tratsch. Auch ganze Staatsformen und deren Titel segeln bekanntlich nur allzu oft unter falscher Flagge. Gerade Octavians res publica war, wie wir wissen, ein Musterbeispiel für Etikettenschwindel. Weitere Tricks traten hinzu. George Orwell zeigte in 1984 die Folgen der allumfassenden Sprachmanipulation. In einem kompakten Artikel widmet sich SPEKTRUM dem stets aktuellen und derzeit besonders beachteten Stoff der Manipulatorik.
SPEKTRUM.de
DER SPÄTERE AUGUSTUS - Wie Octavian die römische Republik demontierte
Reich ausgesponnen
Auf viel Erfundenes stützt sich auch die große Zahl der Alexanderromane, welche im Verlauf des Mittelalters verfasst wurden.
Die Presse
Mystische Erzählungen über Alexander den Großen
Link: https://www.diepresse.com/20509397/mystische-erzaehlungen-ueber-alexander-den-grossen
Zu „Pompejis letzter Sommer“ von Gabriel Zuchtriegel gab es in den letzten Monaten noch eine hörenswerte Sendung auf SWR Kultur.
SWRKultur
„Pompejis letzter Sommer“ von Archäologe Gabriel Zuchtriegel
Lust und Leid – Was Pompeji mit unserer Gegenwart zu tun hat
Link: https://www.swr.de/kultur/literatur/gabriel-zuchtriegel-pompejis-letzter-sommer-100.html
Das Leid mit dem Numerus von Graffiti
Einer schreibt – und andere folgen…
DW (Deutsche Welle)
Antike Graffiti zeigen Alltagsszenen aus Pompeji
Ähnlich auch folgender Beitrag:
ORF Wissen
Sex und Gladiatoren: Graffiti in Pompeji
Link: https://science.orf.at/stories/3234033/
Vitruv schrieb nicht nur, er baute auch
Die „Basilika des Vitruv“ in Fano (Italien) war in den letzten Monaten Thema in den Medien. Anlass ist eine aktuelle Grabungskampagne.
Tagesschau
Gebäudereste aus der Römerzeit - Wie Archäologen auf Vitruvs Basilika stießen
Link: https://www.tagesschau.de/wissen/forschung/basilika-aus-roemerzeit-entdeckt-100.html
Buchhinweis
Verschiedene Wahrnehmungen durch die Zeiten:
Gold, Mara:
Antike Mythen ohne Männer,
Köln (Dumont) 2026.
240 Seiten, 70 farbige Abb.
ISBN: 978-3-7558-1200-5
Preis: € 25,00
Rezension vom 17.05.2026 im Tagesspiegel: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/antike-mythologie-antike-mythen-neu-erzahlt--fokus-auf-frauen-und-aussenseiter-15604192.html
Lateinischer Monatsrückblick
Nuntii Latini
Link: https://www.bremenzwei.de/themen/latein-nachrichten-rueckblick-april-112.html
Zum Themenbereich 3.
Wer sortiert und liest all die vielen Papyri?
Eine unüberschaubare Menge alter griechischer Papyrusfragmente ruht immer noch unbearbeitet – teils sogar ungesichtet – auf Dachböden, in Kellern, in Magazinen verschiedener Universitäten und Forschungsinstitute und harrt ihrer inhaltlichen Entdeckung. In Österreich wird an einer Software gearbeitet, welche die zahlreichen Papyri entziffern hilft und auch auf Vorschläge zur Ergänzung lückenhafter Zeilen hin programmiert wird.
Österreichisches Archäologisches Institut (ÖAW)
ÖAW entwickelt Altgriechisch-KI „Apollo“ mit Mistral/Reply
Link: https://www.oeaw.ac.at/news/oeaw-entwickelt-altgriechisch-ki-apollo-mit-mistral-1
Wie macht man verschwundene Tinte sichtbar?
Der sogenannte Codex Climaci Rescriptus, ein Palimpsest von Texten u.a. des Hipparchos von Nicaea bzw. des Arat von Soloi macht in der Wissenschaft schon seit Jahren von sich reden. Die untersten Schichten sowie jüngere Ergänzungen mit astronomischen Beschreibungen und Skizzen sind jetzt dank Röntgenstrahlen wieder lesbar und die verschiedenen Beschriftungsschichten in ihrem Alter klarer unterscheidbar geworden.
Der Standard
LEGENDÄRE SCHRIFTEN - Verlorene antike Sternkarten tauchen in Mittelalter-Codex wieder auf
Die Römer in Germanien
LDA Sachsen-Anhalt
Erste römische Marschlager in Sachsen-Anhalt entdeckt – Fundplätze zwischen Nordharz und Elbe belegen römische Vorstöße im 3. Jahrhundert nach Christus
… und wieder Damasia
Wir berichteten bereits im letzten Newsletter: Strabons mysteriöser Ort wird in Bayern vermutet. Das BR-Fernsehen strahlte in seinem Kulturmagazin – gleichzeitig schmunzelnd und heiter-ernst – eine Sendung dazu aus. Strabon schrieb übrigens in Amasia…
BRCapriccio
Sagenumwobenes Damasia: Suche nach dem bayerischen Atlantis
Link: https://www.youtube.com/watch?v=S7j4DZMsyak
Wie dionysisch war der Demeterkult?
Experten sinnieren und diskutieren über die Frage, ob bei Feiern für den Kult der Ceres-Demeter Rauschmittel wie etwa Mutterkorn eine Rolle spielten.
GEO
Antike Extase: Waren beim Demeter-Kult im Tempel von Eleusis Drogen im Spiel?
Arzt unter den Opfern in Pompeji?
Finestre sull’Arte
Pompeji: Identifizierung eines möglichen Arztes unter den Opfern des Orto die Fuggiaschi?
Larenaltar nördlich der Alpen in Köln
Etwas, was viele von uns als selbstverständlich kennen, ist in den nördlichen Provinzen bisher nicht in ausgegrabenen Häusern gefunden worden: Ein Hausaltar für die Laren. In Köln ist nun doch eine Opfernische für Hausgötter aufgetaucht.
DER SPIEGEL
Opfer für Schutzgötter: Fund in Köln aus der Römerzeit ist einzigartig für Nordeuropa
Zusammenstellung und Kommentierung der Medienschau:
Karl Boyé


